Neue Nachbarschaft

Beteiligungsprozess zur Förderung von Gemeinwohlstrukturen für ein spekulationsfreies, genossenschaftlich organisiertes, nachhaltiges und leistbares Wohnen

Projektdauer: 11.12.2019 - 31.12.2021

Projektträger

Regionalentwicklung Vorarlberg eGen

Hof 19

6861 Alberschwende

Kurzbeschreibung

Leistbares Wohnen ist auch in ländlichen Gebieten ein großes Thema. Die Anzahl junger Menschen, die kein Grundstück oder keine Wohnung erben können, steigt. Zudem steigen die Lebenshaltungskosten durch: erforderliche Mobilität, fehlende Nahversorgung, fehlende Voraussetzungen für Nachbarschaftsunterstützung. Gerade in Gebieten wie dem Leiblachtal ist man mit spekulativ getriebenen Bodenpreisen und Wohnungen konfrontiert, die kaum Rücksicht auf gemeinsame und für junge Familien wichtige und attraktive Infrastruktur nehmen. Zudem fehlt die Flexibilität für sich ändernde Familienstrukturen (von Single über Familie zu Single), ein deutlich steigender Bedarf an Clusterwohnungen (WG und teilbetreutes Wohnen, Alleinerziehende) ist zu erkennen.

Der Rückzug des Salvatorordens aus dem Kloster Hörbranz gibt Anlass, alternative Konzepte ins Spiel zu bringen. Es eröffnet sich somit die Möglichkeit, das Thema gemeinwohlorientiertes Wohnen an Hand eines konkreten Beispiels zu diskutieren und das Wissen regionsübergreifend zu vermitteln. Um ein attraktives Umfeld insbesondere für junge Familien zu schaffen, muss das Wohnen mitgestaltbar, kinderfreundlich, leistbar und dem Familienstand entsprechend anpassungsfähig sein. Der Lösungsansatz liegt in der Schaffung von spekulationsfreien, genossenschaftlich organisierten Wohnformen. Dazu gibt es in Vorarlberg bzw. im Leiblachtal keine Erfahrung. Andererseits zeigen gute Beispiele in der Schweiz und in Deutschland, dass es sehr wohl möglich ist, die Wohn- bzw. Lebenshaltungskosten um vergleichsweise 30 % zu reduzieren und gleichzeitig die Wohnqualität und Flexibilität zu erhöhen. Es geht insgesamt um die Lebensraumgestaltung. Die zentrale Frage im Projekt ist, in wie weit genossenschaftlich organisierte Wohnkonzepte auf die Region übertragbar sind und wie die Nachfrage zu bewerten ist.

Das Projekt „Neue Nachbarschaft“ konzentriert sich auf den Austausch von Erfahrungen und die Verbreitung von Wissen um die Chancen im genossenschaftlich organisierten Wohnen insgesamt für den ländlichen Raum. Inhalt sind Informationsveranstaltungen, individuelle Einzelgespräche, Exkursionen zu guten Beispielen im naheliegenden deutschsprachigen Raum und die Begleitung des Meinungsbildungsprozesses. Die Ergebnisse werden fachlich aufgearbeitet und dienen als Grundlagen für die weitere räumliche Entwicklungsplanung und Organisationsentwicklung.
Da die Wohnungsproblematik ein essentielles Thema im Zusammenhang mit der Gestaltung des ländlichen Raums ist, liegt es auf der Hand, dass die Untersuchungen für das gesamte Leadergebiet dienlich sind und daher von der Regio-V betrieben werden.

Ausgangslage

Im Anlassfall stellt sich die Region Leiblachtal der Tatsache, dass sich der Orden vom Kloster Salvator mit Besitz an Flächen in Hörbranz und Lochau aus personellen Gründen zurückziehen muss. In Abstimmung mit der Ordensleitung, dem Verein zur nachhaltigen Nutzung des Salvatorkollegs, der Regio Leiblachtal und den betroffenen Gemeinden Hörbranz und Lochau besteht Einigkeit, dass diese Situation genutzt und eine vorbildliche gemeinwohlorientierte Nachnutzung im Interesse der Räumlichen Entwicklungspläne (REPs) der Gemeinden Hörbranz und Lochau sowie der regionalen räumlichen Entwicklungsziele (regREK) erarbeitet werden soll. Auch in Vorarlberg herrscht ein Mangel an leistbarem Wohnraum. Konzepte für spekulationsfreies, genossenschaftlich organisiertes, nachhaltiges und leistbares Wohnen fehlen. Auch hierzulande können viele junge Familien nicht auf das Erbe der Eltern zurückgreifen. Sie können sich bei den spekulativ getriebenen Bodenpreisen kein Grundstück oder eine Wohnung leisten. Zudem ist ein Aufbrechen der traditionellen Familienstrukturen und eine damit einhergehende Vereinsamung festzustellen. So fühlen sich viele Menschen mit der Zukunftsgestaltung überfordert.  Sie fragen sich: Wie kann ich es mir leisten, mich mehr um meine Kinder zu kümmern? Wie kann ich die Lebenshaltungskosten reduzieren, ohne an Lebensqualität zu verlieren? Wer kümmert sich um mich, wenn ich krank bin? Wie kann ich meinen Lebensabend sinnvoll gestalten und finanzieren? Wie finde ich eine Gruppe an Menschen, die mich verstehen und in Krisenzeiten unterstützen? Wie kann ich der Umwelt und dem Klima gerecht werden? Wie mobil bin ich? Dies sind essentielle Fragen, die in einem hohen Maße auch die ländlichen Gebiete in Vorarlberg betreffen.

Mit Zunahme obgenannter Fragen gewinnt die Idee des gemeinsamen Lebens und Wohnens in Lebensgemeinschaften oder Wohnprojekten generationsübergreifend allgemein immer mehr Sympathie. Gerade in Vorarlberg ist das Wissen über diese Wohnformen und Angebote eher wenig verbreitet und bekannt und wird oftmals mit sozialem Wohnbau verwechselt.
Wie Beispiele im nahen deutschsprachigen Raum (Gießerei, Winterthur; Kalkbreite und mehr als wohnen, Zürich; wagnisART Domagkpark, München; …) zeigen, erfreuen sich Menschen in genos-senschaftlich organisierten Wohnformen hoher Zufriedenheit. Aufgrund der fehlenden Referenzbei-spiele vor Ort fehlen in Vorarlberg der persönliche Kontakt und die Erfahrung mit BewohnerInnen, die den Mehrwert authentisch bestätigen können.

Die bestehende Klosteranlage der Salvatorianer am Standort Hörbranz/Lochau gibt Anlass, für die Region Leiblachtal bzw. die gesamte LEADER-Region über neue Formen des Wohnens und der Lebensraumgestaltung als Angebot für junge Menschen, Familien bis hin zu älteren Personen nachzudenken und diese sichtbar zu machen. Die Umsetzbarkeit in Vorarlberg gilt es mit den oben erwähnten guten Beispielen, des Pilotgebiets Salvator und den Rückmeldungen sowie Bedarfen aus der Bevölkerung und Entscheidungsträgern im Projekt zu prüfen. Es lohnt sich, dieses Wissen zu verdichten und die Erfahrungen zielgruppengerecht in das Leader-Gebiet und Vorarlberg zu transferieren.

Ziele/Wirkung

Projektziele
Das vorliegende Projekt beschränkt sich auf die Informationsvermittlung, Bewusstseinsbildung und Aufbereitung der Grundlagen und Erarbeitung von Vorschlägen für die räumlichen Entwicklungsziele und die Organisationsentwicklung. Ziel des Projektes ist es, dass möglichst viele BürgerInnen der Region die Chancen und Potentiale neuer, genossenschaftlich organisierter Wohn-, Lebens- und Arbeitsformen erkennen, alte Bausubstanz nachhaltig genutzt wird und dass Impulse für die Wirtschaft und das soziale Zusammenleben gesetzt werden.

Das Projekt liefert einen Einblick in die Bedarfslage der BürgerInnen für Wohnen, Leben und Arbeiten und ermöglicht, konkrete Interessensbekundungen für die „Neue Nachbarschaft“ zu sammeln. Die Vorteile genossenschaftlich organisierter Wohnform sollen in der Bevölkerung bekannt werden.
Es sind Grundlagen geschaffen, die als Basis für die Regionalplanung, Organisationsgründung und weitere Projekte in anderen Regionen dienen können. Es soll fachliche Kompetenz bei Akteuren und Entscheidungsgremien in den Gemeinden und der Region aufgebaut werden, um Entscheidungen zu neuen gemeinwohlorientierten Wohnbauprojekten zu erleichtern.

Wirkungen bzw. Effekte
Die immer bunter und mobiler werdende Gesellschaft mit ihren unterschiedlichen Biografien und Bedarfen an flexibleren Wohnformaten soll stärker Berücksichtigung in der regionalen Entwicklung und Raumplanung in einer Region finden und insgesamt die Attraktivität von generationengerechtem Wohnen, Leben und Arbeiten im Leiblachtal und im gesamten Leader-Gebiet gesteigert werden. Durch eine genossenschaftlich organisierte Betriebsführung sollen sozialkulturelle und wirtschaftliche Impulse gesetzt und leistbares Wohnen in der Region ermöglicht werden. Preissteigerung durch Spekulationsgeschäfte (Vermietung bzw. Verkauf) ist nicht vorgesehen.

Inhalte

Im Projekte geht es im Wesentlichen um einen Lern-, Beteiligungs- und Planungsprozess auf mehreren Ebenen für ein Wohnen in der Zukunft. Zum einen sollen die Akteure in den Gemeinden -  gerade vor dem Hintergrund bevorstehender regionaler Entwicklungsplanungen - über Lebensraum-Gestaltungsmöglichkeiten informiert werden, zum anderen sind das Potential und die Akzeptanz in der Bevölkerung zu neuen Wohnformen zu prüfen. Dementsprechend konzentriert sich das Projekt auf die Wissensvermittlung in der Bevölkerung, bei EntscheidungsträgerInnen und Interessensgruppen.
Dies erfolgt durch Informationsveranstaltungen, öffentliche Präsentationen, Fachexkursionen, Aufbau und Erhalt des Dialogs mit den Interessensgruppen in der Bevölkerung. Als Ergebnis entstehen daraus fachlich erarbeitete Grundlagen für Handlungsempfehlung an politische Entscheidungsträger für die zukünftige Gestaltung gemeinwohlorientierter Strukturen, bezogen auf mehr Lebensraumqualität in den Gemeinden.

 

Resultate

Das Ergebnis sollte sein, dass in Fachkreisen und bei politischen Entscheidungen vermehrt alle Aspekte zur Lebensraumgestaltung berücksichtigt werden. Es soll in der Bevölkerung und bei den Akteuren das Bewusstsein geschaffen sein, dass leistbares Wohnen nicht bei den Mieten endet, sondern dass die Leistbarkeit ein Lebenskonzept ist. Es soll damit die Gefahr abgewandt werden, dass leistbares Wohnen nur durch Billigwohnbau mit reduzierten Qualitäts- und Energiestandards gelöst werden kann. Die Gesellschaft braucht Konzepte für einen leistbaren und nachhaltigen Lebensraum mit hohem Gebäudestandard und qualitativ hochwertigen Außenräumen.

Als Ergebnis wird erwartet, dass das Wissen um die Möglichkeit zur Gestaltung gemeinwohlorientierter, genossenschaftlich organisierter Wohnformen sich wesentlich verbreitet hat und dass das Interesse und die Nachfrage dazu abgeklärt sind. Über die durchgeführten Veranstaltungen, Exkursionen und fachliche Begleitung sind Grundlagen und Handlungsempfehlungen für EntscheidungsträgerInnen erarbeitet.

 

Bezug zum Programm

Maßnahme 3GW04 Konzepte neuer Wohnqualität und „Shared Space“ Ansätze beispielgebend erar-beiten in Verbindung mit 3GW01 Dörfer für junge Familien attraktiv gestalten.

Grundlagen für regREK, REP, Quartiersentwicklung und Ziele des „Raumbild Vorarlberg 2030“ sowie dem „Mobilitätskonzept Vorarlberg 2019".

Weitere Informationen

28.2.2020: Programm der Auftaktveranstaltung in Hörbranz

17.12.2019: Newsbericht zum Projektstart

Es gibt viele gute Beispiele, eines soll hier erwähnt werden, nämlich die Wohngenossenschaft WAGNIS-art (München), die mit einer Reihe von  Innovations- und Staatspreisen ausgezeichnet wurde: https://www.wagnis.org/genossenschaft/auszeichnungen.html

Weitere Beispiele